Taubenauflass-Aktion 100 Jahre Gladbeck – 40 Jahre Kinderhilfswerk

18.06.2019

Offener Brief: von Sylvia Müller

Sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender,

leider ist uns zu Ohren gekommen, dass bereits morgen in Ihrer Stadt 140 Tauben aufgelassen werden sollen zur Unterstreichung Ihres Stadtjubiläums und des Jubiläums des Kinderhilfswerks.

Wir – Stadttaubenvereine deutschlandweit – sind gegen ein solches Vorhaben! Zum Einen, weil hier Tauben verheizt werden – insbesondere auch angesichts der vorhergesagten extremen Hitze mit sehr hoher Gewitterwahrscheinlichkeit (bei solchen Wetterlagen werden in der Regel Taubenauflässe grundsätzlich untersagt, da die Tauben zum einen sehr schnell dehydrieren und zum anderen bei solch einer Witterung zum Teil nicht mehr nach Hause finden, weil Gewitter, Starkregen oder gar Hagel dies verhindern). Die Tauben werden also einer großen Gefahr ausgesetzt – und das ist tierschutzwidrig!

Zum anderen frage ich Sie, der Sie auch für die Stadttauben zuständig sind, wollen Sie riskieren, dass sich ihre Stadttaubenpopulation vermehrt durch etwa nicht wieder nach Hause findende Brieftauben? Diese verloren gegangenen Tauben schließen sich, sofern sie klug genug dafür sind, den Stadttauben an und fristen dann – nachdem sie menschliche Versorgung gewöhnt waren – das Hungerleben gemeinsam mit den rechtlosen und verhassten Stadttauben. Für die Züchter sind diese verloren gegangenen Tauben eher wenig bedeutend, sie sind eben wertlos, wenn sie nicht in der Lage sind, nach Hause zu finden. Eine bequeme Selektion – aus unserer Sicht. Ihnen ist ja sicher bekannt, dass Züchter Brieftauben selektieren, indem sie für ihre Zucht wertlose Vögel töten. Die kommen dann halt angeblich „in die Suppe“. Dies alles verstößt gegen die hier geltenden Tierschutzrechte, die im Grundgesetz verankert sind.

Gerade jetzt, wo wieder die Saison der Wettflüge eröffnet ist, finden die Stadttaubeninitiativen wieder unzählige Brieftauben, die völlig fertig, zum Teil schwer verletzt aufgefunden werden. Sie können ein Lied davon singen, wie rücksichtslos und aus Wettgeldgier diese Tauben von ihrem Partner getrennt und zum Teil schon als Jungvögel, die noch nach ihren Eltern piepsen, auf Wettflüge geschickt werden. Finden Sie das für Ihr Stadt-Image sehr förderlich?

Auch für die Kinder kann dieser Auflass kein Vorbild sein.

Abgesehen davon haben sie selbst schon gesehen, wie gefühllos manche Kinder gegenüber Tauben sind. Wir erleben immer wieder den Hass der Eltern, die ihre Kinder gewähren lassen, die eh schon durch den Hunger geschwächten Tauben zu jagen. Sagt man etwas, wird man von den Eltern auch noch angegiftet. Ein Mitgefühl für die Kreatur wird diesen Kindern nicht anerzogen, zumindest nicht, was die Straßentauben angeht.

Sie können sich sicher auch nicht vorstellen, welchen Gewalttaten unsere Stadttauben ausgesetzt sind. Sie werden mit Diabolos und spitzen Pfeilen aus Blasrohren beschossen, angezündet, tot getreten, absichtlich überfahren, erstochen u.v.m. Wollen Sie wirklich, dass ein Teil der aufgelassenen Tauben bei dieser so bedeutenden Veranstaltung für Ihre Stadt auch diesen Gefahren ausgesetzt werden?

Ein viel besseres Vorbild wäre die Einrichtung von Taubenhäusern für alle ansässigen Tauben. Dafür sollten die Züchter, die durch ihre Auflässe die Vermehrung der Stadttaubenpopulationen mit verursachen, Abgaben oder Steuern zahlen. Mit diesem Geld könnten die entsprechenden Schläge errichtet und die Tauben artgerecht ernährt werden, der Kot verbliebe zu 80% im Schlag, wäre auch nicht mehr dünnflüssig (Durchfall wegen nicht artgerechtem Hungerfutter) sondern fest und damit leicht zu entfernen. Die Population müsste nicht den ganzen Tag hungrig jedem Krümel hinterher jagen, sondern würde sich die meiste Zeit des Tages im Schlag und auf dem Flug befinden und die Eier gegen Attrappen ausgetauscht werden, um die Population erfolgreich zu verkleinern. Die Bürger Ihrer Stadt würden sich dann auch nicht mehr von abgehungerten Tauben belästigt fühlen.

Wir bitten Sie inständig, lassen Sie an diesem Tag keine Tauben aufsteigen. Verteilen Sie stattdessen 100 rote und 40 weiße Rosen an die Bürger Ihrer Stadt. So müsste kein Tier für den kurz währenden Augenblick eines abfliegenden Taubenschwarms so elendig leiden. Haben Sie ein Herz für diese Vögel und lassen Sie sie in Ruhe!

Ich bitte um Ihre kurze Antwort, wie Sie hier weiter verfahren wollen. Herzlichen Dank!

Mit taubenfreundlichen Grüßen

Sylvia Müller
Fördermitglied und Ehrenamtliche
von StraßenTAUBE und StadtLEBEN e.V.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*